Studium irregularis

Am HUL war heute Peter Baumgartner im Rahmen eines internen Forschungsseminars sowie für einen Vortrag in unserer Ringvorlesungsreihe zu Gast. Zielsetzung des Forschungsseminars war, anhand einzelner Projekte, die von uns wissenschaftlich betrieben werden und anhand einzelner Impulse zu Projekten, die Peter Baumgartner aktuell betreibt, miteinander ins Gespräch zu kommen sowie Kooperationspotenziale auszuloten.

Im Zuge des Austauschs mit Peter Baumgartner wurde mir klar, dass ein recht großer Resonanzraum im Bereich der innovativen und nicht-formalen Curriculums- und Hochschulentwicklung besteht.

Peter Baumgartner bei der HUL-Ringvorlesung

Baumgartner berichtete etwa von einem Kooperationsprojekt mit der University of Chester, in der Konzepte gemeinsamer Kompetenzentwicklung im Zentrum stehen. Hier werden verschiedene Studienprogramme entwickelt und betreut, die im Bereich des berufsbegleitenden Lernens bzw. der professional studies gelagert sind und dort stark individualisierte Studienverläufe (zwischen Zertifizierungen und akademischen Abschlüssen) ermöglichen. Speziell der fachübergreifende, transdisziplinäre Fokus hat mich hier besonders interessiert, zumal ich ja selbst seit einiger Zeit (in freilich viel begrenzterem Rahmen) freiberuflich in dem Bereich unterwegs bin und ich denke, dass sich gerade zum aktuellen Zeitpunkt in diesem Bildungsmarkt einiges entwickelt.

Was individuelles Studieren angeht, ist Österreich wohl bereits am deutschen, stärker formalisierten akademischen Bildungssystem vorbeigezogen. In Österreich gibt es etwa ein — offenbar sogar staatlich verankertes — Recht auf Studierfreiheit. Umgesetzt wird das mit einem studium irregularis: Das ist ein Diplom-, Bachelor- oder Masterstudium, das man sich anhand bestehender Module an einer Hochschule selbst zusammenstellt. Den Antrag dazu kann man an jeder Universität stellen. Einzige formale Voraussetzung ist wohl, dass das studium irregularis mit einem facheinschlägigen Studium gleichwertig sein muss und man eine Qualifikationenbeschreibung einreicht, die die Zielsetzungen des individuellen Studiums definiert. Betreut wird das Studium durch einen Studienprogrammleiter, der auch fachlich drauf schaut, ob die (selbst definierten) Qualifikationsziele sinnvoll sind und anhand des gewählten Verlaufspfads erreicht werden können.

In Deutschland wird ja seit Bologna immer mit Modularisierung argumentiert — für mich einer der Gründe, weshalb ich mich nach vier Jahren im Bereich der fachübergreifenden Lehre an staatlichen Unis vor einiger Zeit dazu entschieden hatte, an eine Privat-Uni zu wechseln und als Programmdirektor an der Zeppelin Universität anzufangen. Dort war für die Studierenden die Möglichkeit, freier und selbstbestimmter ihre Qualifizierungswege zu gestalten, schon eher gegeben — wobei die Bologna-Restriktionen dort zugegebenermaßen extrem gering gehalten wurden. Das ist mutig, auch (oder gerade?) für eine privatwirtschaftliche Uni, die voll systemakkreditiert ist. Ich war damals u.a. für die Studienberatung und Anrechnung von Studienleistungen verantwortlich und habe mir im Zuge meiner Arbeit auch den Spielraum, den Bologna für Fragen der Curriculumsentwicklung bietet, sehr genau angesehen. Wir hatten dort Dinge wie von einer Gruppe von Studierenden initiierte Student Studies oder ein polyvalentes Modul Aktuelle Fragestellungen in die Prüfungsordnungen geschrieben. Das fand ich schon extrem gut. Was Österreich unter dem Stichwort der irregulären Studien nun hochschulübergreifend ermöglicht, wirkt dagegen fast verwegen. — Chapeau, l’Autriche!

Der Vortragsteil von heute Abend wurde übrigens aufgezeichnet und wird über Lecture2Go in den nächsten Wochen frei verfügbar gemacht.

5 Comments

  1. Danke für den Einblick zum Vortrag von Peter Baumgartner und Deine weiteren Überlegungen. Wäre gerne vorbeigekommen!
    Ich sehe bei der Curriculumentwicklung auch sehr große Potentiale, um zu experimentieren und neue wichtige Entwicklungen einzubringen bzw. voranzubringen. Dass das „Korsett“ nicht so eng ist, wie vielmals angenommen, sondern dass man gut begründete Entscheidungen für neue/andere Wege treffen kann, finde ich ebenso richtig und wichtig. Was man sich vermutlich genau anschauen muss: Inwiefern kann das Studium irregularis gut funktionieren, wenn die einzelnen Module eines Studiengangs wirklich so konstruiert sind, dass sie aufeinander aufbauen?
    Ergänzend zum Studium irregularis noch der Hinweis auf das Studium individuale an der Leuphana, das mir auch ein interessantes Experiment zu sein scheint: http://www.leuphana.de/college/bachelor/studium-individuale.html

    1. Tobias Schmohl

      Dem würde ich zustimmen: Aus meiner Sicht bestehen da durchaus auch weitere Gestaltungsspielräume, wenn man die Formalisierung bzw. die Orientierung an der Logik von Modularisierung und ECTS-Konformität nicht übertreibt. Die Universität Hamburg positioniert sich bspw. (nicht nur aus diesen Gründen) in diesem Zusammenhang mit einer besonderen Haltung zur Studiengangsakkreditierung, die ich sehr gut finde. Die Leuphana geht mit ihrem studium individuale — soweit ich sehe — einen deutschlandweit (leider!) einzigartigen Weg. Danke für den Hinweis! Wir bräuchten mehr solche Einrichtungen.

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