Second Order Science

Was ist eine „Wissenschaftsforschung zweiter Ordnung“? Diese Frage stand im Zentrum eines Symposiums in Boston (MA), das ich vor drei Tagen besucht habe. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der American Society for Cybernetics (ASC), und sie war eingebunden in die Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) 2017.

Bildquelle: http://secondorderscience.org

Um die Frage zu beantworten, ist es zunächst notwendig, ein prozessuales Wissenschaftsverständnis zugrunde zu legen, das reflexiv angelegt ist: Während wissenschaftliche Tätigkeit allgemein gesprochen mit der forschenden Auseinandersetzung mit „realen“ Gegenständen und Sachverhalten befasst ist, geht es der Wissenschaftsforschung darum, den gesamten wissenschaftlichen Prozess zu reflektieren.

Dieses prozessuale Verständnis von Wissenschaft schließt eine Reihe methodischer Implikationen ein — u.a. einen „Beobachter“ (eine Instanz, die Unterscheidungen trifft und diese bezeichnet), ein Reflexionsinstrument, das strukturelle Beziehungen von wissenschaftlichen Akteuren, Handlungen, Methoden und Ergebnissen in den Blick nimmt, ein pluralistisches Wissenschaftskonzept, die Fähigkeit zur Meta-Analyse etc.

Im Symposium wurde nun ein spezifisches Problem fokussiert, das mit dieser Auffassung von Wissenschaftsforschung zweiter Ordnung bearbeitet werden kann: Die rhetorische Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis erfolgt häufig in einer kommunikativen Form, die nicht wesentlich von der Darstellung weniger gut begründeter Überzeugungen zu unterscheiden ist. Während der Forschungsprozess selbst häufig fein granuliert ausdifferenziert wird, werden es die basalen Prämissen, auf denen er aufsetzt, in der Regel kaum.

Lässt man die „exakten Wissenschaften“ einmal außen vor, so ist ein Großteil der wissenschaftlichen Tätigkeit (so die Hypothese) mithin von solchen stillschweigend zugrunde gelegten Annahmen geprägt. Gemeint sind fach-/diskurs- oder domänenspezifische Prämissen, die nicht ausgesprochen, oder Voraussetzungen, die nicht reflektiert werden. Michael Lissack und Thomas Fischer stellten zum Auftakt des Workshopteils im Kolloquium eine bereits recht ausgefeilte Einteilung vor, mit der sich stillschweigende Voraussetzungen analysieren lassen. Dazu teilten sie folgende Kategorien ein:

  • What is being observed?
  • How do the observed actors interact (with each other and with their surroundings)?
  • How is meaning ascribed to observations (both by actors being studied and by the scientists doing the observing)?

Diese Einteilung könnte nun bspw. für die Erprobung einer neuen partizipatorischen Forschungsmethodologie eingesetzt werden, in der ein Forscherteam mit einer Gruppe von Reviewern ins Gespräch gebracht wird, um zur wechselseitigen kritischen Analyse und Artikulation ihrer jeweiligen Annahmen, mit denen sie forschen bzw. Forschungsresultate bewerten, angeregt zu werden. Hierzu soll anhand der Einteilung, die Michael und Thomas vorgestellt hatten, ein strukturierter Analyse-Prozess durch das Reviewer-Team noch im Forschungsprozess selbst angeleitet werden, der speziell auf die Identifikation stillschweigender Voraussetzungen abzielt. Nachdem die Voraussetzungen gemeinsam mit einem Projektteam herausgearbeitet wurden, werden diese an das Forscherteam rückgespiegelt. 12 Monate später wird anhand einer erneuten Analyse ausgewertet, ob diese Artikulation möglicher Schwachstellen zu signifikanten Änderungen in der Methodologie oder der Ergebnisdarstellungen durch das Forscherteam geführt hat.

Bildquelle: http://secondorderscience.org/

Ziel des Vorhabens ist es also, eine differenziertere Form der methodologischen Reflexion oder der Ergebnisdarstellung — und damit letztlich bessere (im Sinne „robusterer“, resilienterer) Forschung — zu erreichen.

So gesehen, steht die Wissenschaftsforschung einer Strömung nahe, die sich als Wissenschaftsrhetorik bezeichnen lässt und in der es darum geht, in welcher Form wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert und vermittelt werden können. Damit ist (im Gegensatz zur Wissenschaftskommunikation / science communication) nicht gemeint, wie wissenschaftliche Ergebnisse am besten in allgemeinverständlicher Weise bspw. nach PR-Zielsetzungen aufbereitet und der breiten Öffentlichkeit, Laien oder speziellen Zielgruppen möglichst effektvoll dargestellt werden können. Wissenschaftsrhetorik befasst sich vielmehr mit der Frage, wie sich Forschungsergebnisse anhand kommunikativer Maßnahmen so darstellen lassen, dass sie im Sinne wissenschaftlicher Zielsetzungen maximale Wirksamkeit entfalten können. Im Wesentlichen geht es darum, Informationen mit einem angemessenen Grad an Komplexität sprachlich prägnant zu vermitteln, d.h. die Zielsetzung liegt hier darin, komplexe Zusammenhänge in eine eindeutige, übersichtliche und anschauliche Form zu bringen, sodass die Informationen effizient vermittelt werden.

Für mich war es neben der inspirierenden Art des Austauschs und den Kontakten, die sich daraus ergeben haben, aus mindestens vier fachlichen Gründen interessant, an dem Symposium teilzunehmen:

Erstens interessiert mich als Bildungswissenschaftler die Frage, welche Lernprozesse in Forschungsprozessen angeregt werden können und wie sich beides (Forschung und Lernen) miteinander koppeln lässt. Zweitens bin ich als Rhetoriker an der Frage interessiert, wie sich Forschungsergebnisse effizient und strategisch so kommunizieren lassen, dass sie wirksam werden, wie sich zugrunde liegende Annahmen identifizieren und explizieren lassen und welche kommunikativen bzw. medialen Effekte das haben kann. Drittens steht das Vorhaben m.E. methodisch dem Ansatz einer design-basierten Forschung (Design-Based Research, DBR) sehr nahe, da hier bereits eine kybernetische Feedback-Schleife eingebaut ist, die sich m.E. auf gewinnbringende Weise mit einem DBR-Zyklus korrelieren ließe. Viertens haben wir in Hamburg gerade ja ein Journal-Projekt gestartet, das ebenfalls einen innovativen Review-Prozess vorsieht — die erste Ausgabe ist gerade vor ein paar Tagen erschienen und lässt sich hier abrufen (open access).

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